Bei Vladimir Sorokin ist man gewohnt, dass bestialisch gemordet, exzessiv gedrogt und orgiastisch gevögelt wird, alles gerne auch im Rudel und gleichzeitig. Nichts davon jedoch in „Manaraga“ – mit Ausnahme vielleicht eines sexuell größenwahnsinnigen Traums, den Géza, der Held des Romans, träumt. Mit dem Jahr 2037 befinden wir uns in der nahen Zukunft, doch der Roman verläuft schräg zu unserer Zeitlinie. Man merkt das, wenn man vom Alter der Protagonisten ausgehend in die Zeit ihrer Erinnerungen zurückrechnet; das ist dann technisch und politisch eine andere Welt als die unsere, ihre Vergangenheit und unsere Gegenwart sind nicht gleich. Géza jettet durch die Welt, um dekadentem Geldadel aus allen Schichten – vom organisierten Verbrechen bis hin zum Intellektuellen mit Kohle – Menüs zu zaubern. Er organisiert Book’n’Grill-Events, bei denen erlesene Speisen auf dem Feuer brennender Erstausgaben von Klassikern der Literatur zubereitet werden. Wir befinden uns in der Zeit nach der zweiten islamischen Revolution, Europa ist in Kleinstaaten zersplittert. Gedrucktes gibt es schon lange nicht mehr, kommuniziert wird nur noch digital. Auch die Bücherproduktion ist seit Jahrzehnten eingestellt, aber in den Bibliotheken und Museen stehen noch immer die Erstausgaben der Schriftsteller früherer Jahrhunderte. Und die stehen jetzt im Fokus der Gier vermeintlicher Gourmets. Der GAU für die Exklusivität der Gilde der Meisterköche tritt ein, als eine riesige Ladung eines Nabokov-Romans abgefangen wird: 516 mal „Ada“, jeder Band die Erstausgabe und alle untereinander absolut deckungsgleich bis hin zu den Bleistiftnotizen und den Einrissen im Schutzumschlag. Géza wird beauftragt, gemeinsam mit einer Kampfeinheit die Produktionsstätte auf dem Berg Manaraga ausfindig zu machen und komplett zu zerstören … Sorokin muss beim Schreiben wieder sehr viel gekichert haben: Wir lesen den Text eines Möchtegern-Tolstois genauso wie Teile des Librettos aus der Oper „Rosenthals Kinder“, die von Sorokin selber geschrieben wurde und im Roman zur Aufführung kommt. In der Probenpause lässt sich die Opernsängerin einen Magnolienzweig, „kunstvoll zusammengesetzt aus Partikeln verschiedenster Früchte“, auf Mark Agejews „Roman mit Kokain“ grillen. Der Roman ist eine einzige Zitatensammlung und doch weit mehr als ein postmodernes Patchworkprodukt; Thema des so skurrilen wie komischen Romans ist, wie jeder Underground-Trend irgendwann vom Kapitalismus verschlungen wird. (jw)

Vladimir Sorokin Manaraga

Kiepenheuer & Witsch, 2018, 256 S., 20 Euro

Aus d. Russ. v. Andreas Tretner

 

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