Konzert: The Vaselines
Ort: The Tunnels, Aberdeen
Datum: 03.08.2019
Dauer: 85 min
Zuschauer: gut 200


Zur Planung des Post-Indietracks-Urlaubs gehört natürlich auch die Suche nach Konzerten, die auf der Route stattfinden. Rund um die kleinen und großen Sommerfestivals spielen viele Bands auch Clubkonzerte in Großbritannien. In Glasgow traten unter anderem The National und Teenage Fanclub auf. Fix geplant war, den Urlaub mit dem Comeback von Camera Obscura enden zu lassen. Die schottische Indiepop-Band, die seit dem Tod ihrer Keyboarderin nicht mehr aufgetreten ist, wurde vor einigen Monaten für den Boaty Weekender, die Festival-Kreuzfahrt von Belle & Sebastian angekündigt, ein – später noch ein zweites – Konzert in Glasgow sollte als Aufwärmen dafür dienen.

Beim Durchklicken tauchte plötzlich noch so ein Warm-Up-Dings einer Boots-Band auf, die wundervollen und selten zu sehenden Vaselines waren für Aberdeen angekündigt. Aberdeen lag auf unserer To-See-Liste, unverhofft kam also zu den Primitives und Camera Obscura noch ein drittes Konzert einer Gruppe, die auf meiner Lieblingsband-Longlist steht.

Die Vaselines spielen fast nie. Im Verhältnis zu ihrer langen Karriere (die Band existiert seit 1986) sind Auftritte extrem selten. Dreimal spielten Frances McKee und Eugene Kelly bisher in Deutschland, zweimal in Berlin, einmal in Offenbach. Wie ich es ohne die beiden Berlin-Shows geschafft habe, sie in Aberdeen schon zum fünften Mal gesehen zu haben, ist mir ein Rätsel. „In Aberdeen zum fünften Mal“ ist blöd formuliert, das Konzert im miefig riechenden Tunnel-Club The Tunnels war der erste Auftritt der Glasgower in Aberdeen überhaupt.

Die Geschichte der Vaselines ist speziell und ein wenig lustig. Nach einer ersten EP und einer ersten Platten (Dum Dum, 1989) löste sich die Band 1990 auf. Eugene und Fran waren kein Paar mehr, sie versuchten es auch musikalisch alleine. Vielleicht wäre da alles zu Ende gewesen, wenn nicht Kurt Cobain seine Liebe zu den Vaselines so offensiv geteilt hätte. Drei Vaselines-Lieder erschienen als Nirvana-Cover, das schottische Duo bekam ein ordentliches Stück vom Tantiemen-Kuchen ab.

2010 erschien plötzlich das zweite Album Sex with an x, mit dem sie tourten. Unter anderem waren die Vaselines Teil des phänomenal guten Lineups des zweiten Bowlie-Weekenders, eines von Belle & Sebastian kuratierten Festivals (und in Berlin und Offenbach). Offensichtlich war music with an x eine so gute Idee, daß 2014 V for Vaselines folgte. Beide Nachzügler-Alben sind fantastisch! Wenn die Band doch bloß häufiger spielte!

Daß wir nicht nachdenken mussten, unsere Aberdeen-Pläne ein wenig vorzuziehen, war nun wirklich nicht überraschend! Die Vaselines

Aberdeen ist auch speziell und ein wenig lustig. Die ganze Stadt ist aus mausgrauem Stein gebaut (das Stadtmarketing übersetzt das in „silber“). Bei den neueren Häusern wirken die hellgrauen Steine mit dunkelgrauen Fugen wie diese eine unverputzte Haus im deutschen Neubaugebiet. So sieht die ganze Stadt aus. One shade of grey. Für deutsche Verputzer-Meister ist ein Besuch in der Hauptstadt der schottischen Erdöl-Industrie vermutlich viel zu aufregend!

Das Tunnels befindet sich unter dem örtlichen Marks & Spencer. Der Zugang erinnerte an die Lieferzufahrt des Kaufhauses. Als wir ankamen, spielte die Vorgruppe schon. Die erste Hälfte deren Auftritts war fantastisch, die zweite nicht, im Schnitt blieb nichts Merkenswertes, das sollte sich eine halbe Stunde später ändern.

Daß die Vaselines im 21. Jahrhundert immer mit Band auftreten, wusste ich. Aber nicht, welche Musiker dabei sein würden. Vielleicht Bobby oder Stevie von Belle & Sebastian? Als die drei Begleiter gemeinsam mit Fran und Eugene auf die Bühne kamen, staunten wir ein wenig. Vor allem der Schlagzeuger (Michael McGaughrin) und die Keyboarderin Carla J. Easton (zu ihr später mehr) sahen sehr jung aus. Aber das sollten die beiden älteren später auch noch thematisieren. 

Das Konzert begann überraschend nüchtern – nämlich mit Musik. Frances, die hauptberuflich Joga-Lehrerin ist, hat den besten Seefahrer-Humor, den ich je erlebt habe. Sie hat bei all meines bisherigen Konzerten Sprüche geklopft, die den Großteil der Säle erröten ließen. In Aberdeen schlappte die Sängerin mit Birkenstock-Sandalen auf die Bühne und wirkte zunächst schüchtern. Nach den ersten Stücken (High tide low tide, Monsterpussy, Cardinal sin und Jesus wants me for a sunbeam, denen man ein wenig Unsicherheit anmerkte) erklärte Fran, daß sie sehr nervös seien. Oder in Vaselinesisch: „someone in the band has wet himself in preparation of this!“. Eugene antwortete etwas lahm „it’s you?“, worauf sie lachte: „Yes, very often!“

Das Konzert wurde nach den kleinen anfänglichen Unsicherheiten immer besser und besser. Die Band wirkte schnell harmonisch. Es sah trotzdem witzig aus, wie jung die drei Begleiter aussahen. Daß sie ihre Kinder sein könnten (der Konjunktiv enttäuschte mich etwas), war schnell Thema. Nachdem sie das besprochen hatten, drehte sich Fran zum Start von The devil’s inside me zu Eugene um: „ready, Daddy?“

Den Start des folgenden Whitechapel verpatzte die Sandalen-Trägerin dann und entschuldigte das mit „these songs sound exactly the same.“ Eugene bat sie, das zu verschweigen. „Don’t tell our secrets!“ Sie schrieben schließlich seit 30 Jahren gleichklingende Lieder.

Bei Molly’s lips hatte Carla, die immer wieder ein Lachen unterdrücken musste und schüchtern wirkte (auch dazu später mehr), den Auto-Hupe-Part zu spielen. 

Das Konzert war mein bisher längstes der Vaselines. Daher verwunderte es auch nicht, daß die Setlist weit mehr als ein reines Best-of war und mit Cardinal sin auch eine B-Seite enthielt (und Livepremieren wie vermutlich Messy reflection). Dummerweise fehlte leider wieder das grandiose Crazy lady vom letzten Album, das einer der besten Popsongs der letzten Jahre ist, zumindest in meiner Welt.

Dramaturgisch sollte wohl Exit the Vaselines das letzte Lied vor den Zugaben sein, aber auch das verpatzten sie ein wenig und spielten noch Dum dum hintendran, was vielleicht erst Zugabe hätte sein sollen.

Die Extras begannen dann mit dem auf Zuruf gewünschten The day I was a horse und endeten mit den beiden Groß-Hits Son of a gun und Dying for it.

Ach wie gerne würde ich irgendwann sagen können, daß ich die Vaselines zehnmal gesehen habe! Die Konzerte des brillanten Duos sind viel zu gut, um so selten zu sein. Warum nicht Booker sich darum reißen, die Band zu buchen, verstehe ich wirklich nicht.

Nach dem Konzert ärgere ich mich ein wenig mehr, nicht zum Boaty Weekender zu fahren und die Crazy lady und ihren Vater noch einmal zu sehen. Ahoj!

Setlist The Vaselines, The Tunnels, Aberdeen:
01: High tide low tide 
02: Monsterpussy
03: Cardinal sin
04: Jesus wants me for a sunbeam
05: Messy reflection
06: The lonely L.P.
07: Such a fool
08: Oliver twisted
09: The devil’s inside me
10: Whitechapel
11: Turning it on
12: Inky lies
13: Mouth to mouth
14: Single spies
15: Molly’s lips
16: One lost year
17: Slushy
18: Ruined
19: Exit the Vaselines
20: Dum dum

21: The day I was a horse (Z)
22: Son of a gun (Z)
23: Dying for it (Z)

Links:

– aus unserem Archiv:
The Vaselines, Barcelona, 30.05.15
The Vaselines, Utrecht, 22.11.14
The Vaselines, Offenbach, 30.01.11
The Vaselines, Minehead, 12.12.10