„Nun ist es […] mit Texten so, dass man ihnen immer alles ansieht“, gab Terézia Mora den Frankfurter Student*innen zu verstehen, die vor einigen Jahren ihre Poetik-Vorlesungen besucht haben. Gemeint war: Ein emotionaler Text liest sich wie ein emotionaler Text; ein Text, der seine Verzweiflung verbergen soll, liest sich wie ein Text, der seine Verzweiflung verbergen soll. Mora ist sich dem Moment der Eigentlichkeit bewusst, der dem Schreiben innewohnt. Wer schreibt, will etwas: beklagen, erforschen, beantworten et cetera. Und Mora: will, dass ihre Figuren zu Wort kommen. Sie erzählt ihre Geschichte, statt sie in eine vorgefertigte zu zwängen. „Auf dem Seil“, der letzte Teil ihrer Darius-Kopp-Trilogie, ist erneut ein Meisterstück in Zurückhaltung.

Der Ex-ITler Darius Kopp, der Deutschland im vorigen Band („Das Ungeheuer“) verlassen hat, um in der Vergangenheit seiner verstorbenen Frau auf Spurensuche zu gehen, ist nach einer Odyssee durch Europa in Italien gelandet. Er ist mittelmäßig zufrieden, sein Leben ruhig. Bis seine schwangere Nichte auftaucht, deren Mutter nichts mehr von ihr wissen will. Sie gehen gemeinsam zurück nach Berlin und finden Übergangsbleibe um Übergangsbleibe. Das Geld wird knapp, die emotionale Bindung enger; und Kopp scheint unsicher, was von beidem die größere Belastung ist: „Was wird aus mir, wenn ich sie liebgewinne?“ Das Hadern mit Verantwortung, grenzmisanthropische Veranlagung, eine Unfähigkeit zu nichtkompensatorischem Lustempfinden: Moras Beschreibung von Darius Kopp rechtfertigt so wenig, wie sie urteilt. Kopp ist einfach da, tut Dinge, tut Dinge nicht. Er ärgert sich, verhält sich wie ein Arschloch, säuft, hat seine guten Momente. Sensationen: gibt es eigentlich keine.

Ein Text, der Menschen zeigen soll, wie sie sind, liest sich wie ein Text, der Menschen zeigen soll, wie sie sind. Terézia Mora zeigt Menschen, wie sie sind.


Terézia Mora Auf dem Seil

Luchterhand, 2019, 368 S., 24 Euro

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