Konzert: Lowlands Festival 2019
Ort: Biddinghuizen
Datum: 16.08.-18.08.2019
Dauer: 3-4 Tage
Zuschauer: 55.000 ausverkauft


Drei Tage Lowlands Festival können sich anfühlen wie drei Wochen Urlaub oder wie drei Tage mit üblen Überstunden. Eigentlich sind es ja mittlerweile sogar vier Tage. Der Donnerstag startet seit letztem Jahr mit 30.000 leihbaren Funkkopfhörern und lädt zur wahrscheinlich größten „Silentdisco“ der Welt.

Aber auch dieser Superlativ ist nur einer unter unzähligen Veranstaltungspunkten an diesem Wochenende. Diesmal war sogar der niederländische Premierminister Mark Rutte bei einer der morgendlichen Talkrunden dabei, nur um mal die Bedeutung des Festivals für die kulturelle Szene der Niederlande zu verdeutlichen. 


Im Kinozelt eine Vorpremiere des „Maradona“-Films, eine riesige Gay-Disco (Adonis), ein 24hour Gelände incl. Überdachung, Gastro und DJ`s von Donnerstag bis Montag 11:00 Uhr. Langeweile kann einfach nicht aufkommen. 

Das Konzerttagebuch ist aber nicht dem Lifestyle verpflichtet, sondern der Musik. Und dafür gibt es immerhin auch noch mindestens sechs Bühnen parallel zu betrachten. Das diesjährige Musikprogramm war deutlich band-orientierter als in den Vorjahren. Nichts desto trotz wird das Nachtprogramm mit seinen diversen DJ`s immer ein fester Bestandteil des Festivals bleiben. 


Am Freitag trifft man bereits alte Bekannte an jeder Ecke: Slaves und Fontaines D.C. wie bereits in den letzten Wochen auf anderen Festivals in rauer, guter Spiellaune. Die Fontaines aber auch hier wieder mit genau dem gleichen Set in gleicher Reihenfolge. Etwas gelangweilt wirkt das mittlerweile und auch hier erreichen sie zwar das Publikum, aber nicht annähernd die auf dem Zeitplan anvisierte Spielzeit. 


Danach die hier unvermeidlichen, bösen Überschneidungen. Ziggy Marley hätte ich zu gerne mitgenommen, aber The Good,The Bad & the Queen haben Vorrang. Zurecht, wie sich später herausstellen sollte. Kündigte Sänger Damon Albarn doch noch während des Sets an, dies sei der letzte Auftritt der Band. (Ob bei dieser Tour oder für immer ließ er hier noch offen). Ein sehr schöner Auftritt mit Streichern und tollem Bühnenbild (Stichwort: Gauklerromantik). 


Dann weiter zu Royal Blood, die zwar immer noch kein neues Album, dafür aber jetzt zwei Sängerinnen und wenigstens einige neue Stücke präsentierten. Wie immer ein klassischer Stimmungsmacher die Beiden, da kann man als Booker einfach nichts falsch machen. Danach bekommen De Staat vom Veranstalter ihren Ritterschlag. Da „The Prodigy“ ja absagen mussten, darf die Band mit einer großen, im Voraus extra geplanten Headlinershow den Abend auf der Hauptbühne beschließen. Das bekannte „Firestarter“ Cover macht den Anfang, der Rest ist so gar nicht mein Ding, aber die Einheimischen sind begeistert. 

Der Samstag steht zunächst ganz im Zeichen von Billie Eilish (Billie Eilish – Lowlands 2019). Schon bei Dermot Kennedy sind die Fans des jungen Superstars bereits an Haarfarbe und Silberschmuck von weitem erkennbar. Einen solchen Kult kann der Ire leider nicht entfachen. Obwohl er einer der wenigen Singer-Songwriter ist, der sogar im Formatradio seinen Stammplatz gefunden hat, wirkt die Show sehr träge und uninspiriert. Es gibt eigentlich nur eine Stimmungslage. Die mag zwar zum einsetzenden Landregen außerhalb des Zelts passen, ist aber bis auf die markante Stimme nicht weiter erwähnenswert. Da haben „Glen Hansard“ oder „Damien Rice“ ein ganz anderes Kaliber. Sowohl was die Show als auch die Songs angeht. 


Durch den Besuch bei Billie verpasse ich leider The Vaccines und (besonders schade) auch Sharon van Etten, die tragischerweise genau am anderen Ende des riesigen Areals auftritt. 

Für viele geht der Tag jetzt erst richtig los: Paul Kalkbrenner (um 17:30 Uhr ?!), Jan Hopkins, Anderson.Paak und die Abbruchshow von Idles sind mir allesamt bekannt, bieten aber wenig Neues. Der Abend hält aber dann noch einen einsamen Höhepunkt bereit. Da ich Giorgio Moroder mit seiner Diskoshow bereits in Essen Giorgio Moroder – Essen und Düsseldorf bewundern durfte, entscheide ich mich ein weiteres Mal für The National, es sollte sich lohnen. 

Es gibt ja Abende, da sind The National gut, manchmal sehr gut. Was die Band aber heute abliefert, ist nicht weniger als brillant. Vom ersten Song an ergibt sich eine unglaubliche Energie, sowohl vor als auch auf der Bühne. Und wieder einmal spüre ich, warum ich Festivals so gerne besuche. Diese Stimmung wäre auf einem normalen Konzert einfach nicht möglich.


Matt nimmt die Energie sofort auf, spielt mit dem Publikum, ist bester Laune und taucht gleich ab, um am ca. 150m entfernten Bierstand außerhalb des Zeltes mit Fans anzustoßen. Später fährt er auf dem Kamerawagen spazieren, erzählt wirre Stories und kündigt Sängerinnen an, die gar nicht da sind. Also einfach alles toll. 


Aber nie ist er „drüber“, bekommt alle Einsätze noch voll mit und ruiniert damit nicht die Show, wie es sonst manchmal passiert. Und obwohl mit Kate Stables (von This is the Kit) heute nur eine Sängerin dabei ist, gelingen die Songs des neuen Albums traumhaft. Als neues Ende beschließt heute eine fast 10-minütige Version von „About Today“ den Abend. „It was a blast“ schreit Berninger immer wieder, nimmt eine weiter Flasche Wein, öffnet sie in der ersten Reihe und will gar nicht mehr hinter die Bühne. Woher nimmt die Band nur diese Energie: Abend für Abend, Jahr für Jahr.


Nach Yoga, Karaoke und anderen Spielereien geht es am Sonntag mittag sofort wieder los. Diesmal um 12.00 Uhr mit der liebevollen Julia Jacklin. Deren sehr getragenes Programm wäre zu späterer Stunde auch sicher im ganzen Kirmestrubel des Festivals untergegangen. Mein Lieblingssong „Don`t know how to keep loving you“ Julia Jacklin – Session kommt überraschenderweise bereits ziemlich am Anfang dafür endet die Show heute mit „Pressure to party“ und „Head alone“. 


Danach ein bemerkenswerter holländischer Newcomer. Tamino spielt sehr verkopfte aber auch melodische Balladen, tieftraurig und emotional. Leider heute ohne „Colin Greenwood“ von Radiohead am Bass, der ihn sonst schon öfter begleitet hatte. Ein Name von dem man noch hören wird. Besonders „Habibi“ Tamino – Session am Schluss verbreitet echte Gänsehautstimmung am frühen Nachmittag. 


Und wieder viele alte Bekannte: Whitney, Sea Girls, Bear`s Den, Loyle Carner und James Blake. Franz Ferdinand haben dann auf der Hauptbühne ihren großen Auftritt und ein wenig Glück. Außer dem 80er Berlin Retro-Technogebolze von Modeselektor gibt es gerade wenig Konkurrenz und so zünden die alten Hits vor einer Riesenkulisse. 


Die Meisten bleiben direkt stehen, denn alle wollen natürlich einen Blick auf A$AP Rocky werfen, der so ziemlich direkt aus dem Gerichtssaal in Schweden auf die Bühne springt. Seine Stories mögen andere kommentieren, musikalisch ist seine Show auf Top-Niveau, sogar einen Gastauftritt beim späteren Headliner Tame Impala lässt er sich nicht nehmen. 

Ich aber schaue noch kurz bei Thomas Azier vorbei, dessen tolle Alben mich überzeugen. Heute ist aber seine Liveband mit zuviel 80er-Jahre Bombast überladen, da gehe ich doch lieber gleich rüber zum Original: New Order spielen zum ersten Mal seit 1985 !! (kein Witz) in den Niederlanden, und entsprechend ist auch die Stimmung. 


Ein Hit jagt den nächsten und um mich herum stehen Menschen zwischen 13 und 63 Jahren, einige weinen zu „Transmission“, andere tanzen  zu „True Faith“ oder träumen bei „Bizarre Love Triangle“ vor sich hin. Es ist eine bezaubernde Retroshow, bei der New Order alles richtig machen. Hier erwartet keiner neue Kunststücke oder alternative Versionen, es soll so klingen wie immer. Gut das ich parallel spielenden Black Midi schon beim „Haldern Pop“ gesehen hatte, so konnte ich diese Show ruhigen Gewissens als Abschluss genießen. 


Was bleibt ist ein Lowlands der großen Namen. Was früher ein Schaulaufen für Newcomer war, ist heute ein völlig anderes Festival. Immer noch sehr überzeugend, besonders in Organisation und Atmosphäre, sollte man ein Mal diese eigens errichtete „Stadt“ auf dem Polder gespürt und gesehen haben.


Da das Aftermovie von 2019 noch nicht fertig zu sein scheint, hier die Eindrücke aus 2018 Lowlands Aftermovie 2018 

Fotos: Michael Graef