Aus dem Fenster spähen – und berichten, was zu sehen. Diesem Motto frönen nicht nur viele Rentner, auch wir versuchen zu erzählen, was sich im übertragenen Sinn hinsichtlich Musik vor unserem Fenster so abspielt. Nun verfügen wir über kein Panoramafenster, wohnen in keinem Penthouse, von dem sich die ganze Stadt überblicken lässt. Der Ausschnitt der Musiklandschaft, den wir erleben, ist somit begrenzt. Und dennoch gäbe es genug zu erzählen, von Bands, die erstmals durch das Bild gehuscht sind, von Musikerinnen, die fast täglich durch die Gegend spazieren, und natürlich auch von Acts, die fast penetrant in Richtung unseres Fensters winkten. Sie alle freilich wurden in diesen Jahr von uns vernachlässigt. Wir sind der selbst auferlegten Chronistenpflicht nur ungenügend nachgekommen. Daher soll die Rückschau auf 2018 speziell jene Platten hervorheben, die wir bislang nicht genügend gewürdigt hatten. Und derer gibt es in einem musikalisch großartigen Jahr reichlich!

Femi Kuti





Stellen wir uns einen Moment vor, wir würden missbraucht, geknechtet und ausgebeutet. Über Jahre, ja Jahrzehnte. Wie viel Wut und viel viel Hass würde sich da in uns ansammeln? Das Ausmaß der Rachegelüste wäre kaum zu beschreiben. Es zeugt daher von menschlicher Größe, dass afrikanische Musiker – bei aller Verbitterung und Kritik an der wenig subtil fortgesetzten Hegemonie der reichen Länder dieser Welt – dennoch so oft versöhnliche Töne anschlagen, von einem globalen, von Fairness und Freiheit geprägten Miteinander träumen. Wir haben 2018 bereits mit dem für Gerechtigkeit und eine positive afrikanische Identität kämpfenden Seun Kuti erwähnt, aber er ist selbstverständlich nicht der einzige Kuti-Spross, der in dieser Hinsicht Aufmerksamkeit verdient. Da wäre natürlich auch Femi Kuti, seines Zeichens ältester Sohn des legendären Fela Kuti, mit seiner Band The Positive Force zu nennen. Dessen letzten Februar veröffentlichtes Album One World One People packt sein Anliegen bereits in den Albumtitel. „Be inspired, don’t be tired“ ist Femis Motto, die Überwindung aller Zwietracht und allen Leids das erklärte Ziel. Gleich zum Auftakt der Platte skizziert Africa Will Be Great Again eine friedvolle, gerechte Zukunft, in der eine korrupte politische Elite endlich ihrer gerechten Strafe zugeführt wird. Nun könnte man sich hinstellen und solch Inhalte als naiven Populismus abtun. Doch muss die Frage gestattet sein, warum in Kutis Heimat Nigeria trotz großer Ölvorkommen noch immer so viel Armut und Hoffnungslosigkeit herrscht. Femi Kutis Klage über „Politicals criminals walk around free leaving the country in misery“ hat nichts mit sozialistischer Träumerei zu tun, sondern orientiert sich an genau jenen Missständen, gegen die schon sein Vater aktiv geworden ist. Femi packt seinen Appell in üppig orchestrierten Afrobeat mit klassischer Highlife-Ausprägung. Das ist stark und geht ins Ohr! Der Track Best to Live on the Good Side ist aus einem ähnlichen Holz geschnitzt. Die Strophe „It is part of one of the mysteries of creation/ We don’t really know why we are born/ Yet we live to die/ Different religions have their reasons/ That they teach and stand by/ Culture and traditions defend theirs/ And tell their own side/ Fear of the unknown, mainly experience/ Make others decide/ One thing for sure we all agree/ It’s best to live on the good side“ verdeutlicht, dass Femi Kutis positive Vibes nicht einfach so dahergesagt sind, sondern auf einem vernunftbetonten Lebensentwurf fußen, den man sich durchaus zu eigen machen kann. Call-and-Response-Passagen wechseln sich mit Erkenntnis predigenden, souligen Gesang ab, der funkige, nervöse Groove wird durch schicke Bläser herrlich akzentuiert. Ein starker Track, der die visionäre, charismatische Kraft der Kutis weiter fortschreibt. Mit dem Titeltrack One People One World setzt Femi Kuti all den kitschigen Wir-haben-uns-alle-lieb-Hymnen dieser Welt eine ehrliche und beseelte Vision entgegen. Als Basis des Tracks dient ein Reggae-Rhythmus, einmal mehr sorgt die Bläserkapelle für ordentlich Highlife-Feeling. Bei aller Versöhnlichkeit, die Kuti verbreitet, gibt es freilich auch zugespitzten Unmut in Form von Songs wie How Many, der mit Zeilen wie „How many/ How many innocent lives must be lost/ Before them know say war na evil/ How many/ How many disasters must happen/ Before them know climate change na big deal/ How many/ How many riots must take place/ Before them know poverty na real thing“ ungläubig und verärgert den Kopf schüttelt. Mit zunehmenden Verlauf entwickelt das Album immer mehr Ecken und Kanten, wechselt der Fokus vom Aufruf zum gedeihlichen Miteinander hin zu aufrüttelnder Anklage. E Get as E Be und Corruption Na Stealing, beide in nigerianischem Pidgin dargeboten, haben es so richtig satt. Vor allem der Logik des letzteren Songs – „When something miss, we must find the thief/ Who thief the thing/ When money miss we must find the thief/ And call to am thief/ When big man thief/ Na big English them go take hide the thief/ When big man steal na big English/ Till them make am chief/ Then commander in chief“ – kann man sich angesichts der Vorgänge in vielen afrikanischen Ländern nicht verschließen. Wie auch schon sein Vater bleibt Femi Kuti nicht in ungefährem Unbehagen oder diffuser Wut verhaftet, bei Dem Militarize Democracy nennt er sogar Namen nigerianischer Politiker, bezichtigt sie, sich mit dem Militär zu arrangieren, um Wahlen gewinnen zu können. Schattenmächte, einflussreiche Lobbys und Verbände, sind schon in europäischen Demokratien ein nicht zu unterschätzendes Problem, in teils instabilen afrikanischen Demokratien umso mehr. Versöhnlich und erhebend endet das Album mit The Way Our Lives Go, einem in den Strophen reduzierten, zärtlich-melodischen Afrobeat-Stück, bei dem der Austausch zwischen Kuti und dem Chor verdeutlicht, dass die hier entworfene Vision und die geäußerte Kritik aus den Herzen vieler Menschen sprechen. One World One People vereint Musik und gesellschaftliches Engagement auf wunderbare Weise. Musik wird hier zum Sprachrohr für Veränderung. Und wenn sie dies nur lange genug ist, wird diese Veränderung früher oder später auch eintreten. Afrika hätte es sich verdient.

One People One World ist am 23.02.2018 auf Knitting Factory Records erschienen.

Baba Commandant and the Mandingo Band

Siri Ba Kele by Baba Commandant and the Mandingo Band

Der als Baba Commandant wirkende Sänger und Musiker Mamadou Sanou ist diesem Blog kein Unbekannter. Bereits 2016 hatte ich über das Album Juguya lobende Worte verloren. Nun gilt es, auch die Anfang November 2018 veröffentlichte Platte Siri Ba Kele kurz zu würdigen. Hatten sich Baba Commandant and the Mandingo Band beim Vorgängerwerk noch stark am Afrobeat orientiert, entwickelt Siri Ba Kele einen Mix aus Funk und traditionellen Elementen. Es fügt sich alles so wunderbar ineinander, die Ngoni, ein traditionelles Lauteninstrument, trifft auf eine mit allen Wassern gewaschene E-Gitarre, traditionelle afrikanische Percussion mischt sich mit der Energie des Funk. Der quirlige, inspirierte Vortrag Sanous rundet eine wunderbare Aufnahme ab, die eine Brücke zwischen Tradition und Moderne, zwischen afrikanischer Identität und westlichen Einflüssen baut. Der im Vergleich zu Juguya abgespecktere Sound sowie der stark ausgeprägte Jam-Charakter dieses Werks machen es vielleicht weniger eingängig, doch schimmert dafür die Folklore des Herkunftslandes deutlicher durch. Nehmen wir nur den Opener Loga Fo Djelba, an dessen Anfang ein Trommeln steht, zu dem sich sogleich ein aufgewühlter Gesang Sanous gesellt. Diesem kraftvoll archaischen Sound setzt Issouf Diabate ein flinkes wie ungemein feines Gitarrenspiel entgegen. Diese Spannung verschiedener Temperamente ist ausgesprochen reizvoll und wird in über acht Minuten sehr nuancenreich abgebildet. Wie Gegensätzlichkeit früher oder später zusammenkommt, ist überhaupt ein Hauptmotiv des Albums. Bei Siraba Kele würde man eigentlich annehmen, dass ein westlicher (Rock-)Gitarrenvirtuose hier zum Crossover bläst und entspannt um diese urafrikanischen Tribal-Klängen herum irrlichtert, doch abermals ist es Diabate, der sehr souverän diesen Akzent setzt. Siguisso, bereits auf Juguya zu finden – und dort ganz auf traditionelle Percussion fokussiert, wird hier auf über neun Minuten aufgefächert und in einem flotten Fusion-Sound gepackt. Stellt man die beiden Aufnahmen gegenüber, merkt man schnell, wie sehr die Komplexität der Instrumentierung und generell die Dynamik der Musik doch zugelegt haben. Spätestens mit Keleya ist endgültig der Moment gekommen, in dem Baba Commandants Sprechgesang vogelfrei über Percussion und Gitarrenakkorde turnt und erzählt, während Diabates Vortrag alles zusammenhält. Siri Ba Kele mag nicht über die offensichtlichen Reize verfügen, die Juguya so ausgezeichnet haben, doch ist es auch ein Stück weit für ein andere, besonders für Funk und Fusion empfängliche Zielgruppe gemacht. Mit diesem Werk, so das Fazit, haben sich Baba Commandant & The Mandigo Band für allerhöchste Weltmusikweihen empfohlen!

Siri Ba Kele ist am 02.11.2018 auf Sublime Frequencies erschienen.

Bixiga 70

Quebra Cabeça by Bixiga 70

Wie passt eine brasilianische Formation in diese Rückschau unter dem Motto „Global Africa“? Nun, bei der letzten Volkszählung im Jahre 2010 gaben über vierzehneinhalb Millionen Brasilianer an, preto, also schwarz, und somit Nachfahren jener afrikanischer Sklaven zu sein, die über Jahrhunderte von den portugiesischen Kolonialherren als billige Arbeitskräfte nach Brasilien geschifft wurden. Nimmt man noch die Pardos, jene Brasilianer mit ethnisch diversen Wurzeln hinzu, erscheint Brasilien heute noch ein Schmelztiegel aus afrikanischer und lateinamerikanischer Kultur. Das Instrumental-Kollektiv Bixiga 70 aus São Paulo bringt dies musikalisch wunderbar zum Ausdruck. Auf Quebra Cabeça, dem mittlerweile vierten Album der Band, treffen afrobrasilianische Grooves auf lateinamerikanische Leichtigkeit, herrlichen Bläser-Einsätze auf ganz viel Dancefloor-Flair. Daraus resultiert eine Platte, die bestens aufgelegt zum Tanz bittet! Und noch viel mehr zu bieten hat. Denn ganz ohne Worte manifestiert sich ein Plädoyer für ein kulturelles Miteinander auf der Basis gemeinsamer Geschichte. Schmecken wir in ein paar Tracks ein bisschen hinein. Da kommt man am Titeltack und Opener Quebra Cabeça natürlich nicht vorbei. Mal abgesehen von der üppigen orchestralen Ausgestaltung dank eines überragendem Blasensembles und der mal legeren, mal fiebrigen Tanzbarkeit besticht das Stück auch mit Space-Jazz-Elementen, die sich als Tüpfelchen auf dem i erweisen. Galoppierenden Funk mit stellenweise fast wiehernden Akkorden hat Ilha Vizinha im Köcher. Bei Areia wiederum bricht die für Südamerika typische elegische Eleganz hervor, es imponiert durch den im Vergleich zu den meisten Stücken gedämpften Vortrag mit beinahe larmoyanten Untertönen, für einen durchaus ins Auge stechenden Kontrast sorgen spacige Synthies. Bei Levante wackeln die Bläser gleich Kamelen durch die Landschaft, solch kauzig-charmanter Sahara-Groove bleibt sofort im Ohr. Apropos Kamel! Ebenfalls stark fällt Camelo mit seiner loungigen Club-Atmosphäre, die ab und an von den Bläsern aufgemischt wird. Wie auch immer die Stile bei den einzelnen Tracks gewichtet sind, in seiner Gesamtheit mutet das Album so an, als hätten alle Teile eines Puzzles ohne viel Zutun zusammengefunden. So ist es freilich auch kein Zufall, dass der Name des Albums aus dem Portugiesischen übersetzt tatsächlich Puzzle bedeutet. „Für Bixiga 70 wird Afrika immer die Wurzel bleiben und Brasilien ihre lebendige Blüte.“, bringt der Pressetext den Sound der Formation auf den Punkt. Quebra Cabeça führt zusammen, was zusammen gehört! Wer schon längst ein Album voller Spielfreude und mit einem die Welt umarmenden Lebensgefühl gesucht hat, muss sich nicht länger umschauen. Ein Pflichtkauf!

Quebra Cabeça ist am 12.10.2018 auf Glitterbeat Records erschienen.

Unsere Rückschau ist freilich noch längst nicht abgeschlossen. In der nächsten Ausgabe werden wir ein paar Newcomer des Jahres 2018 gebührend erwähnen!

SomeVapourTrails